Zwei neue Studien zur Klimaneutralität

Unabhängig voneinander sind kürzlich zwei neue Studien zum Thema Klimaneutralität erschienen, die sich in ihren Aussagen ähneln, aber in Bezug auf die Methodik und die Laufzeit der CO2-Reduktion stark unterscheiden.

Beide Studien kommen zum Ergebnis, dass die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung völlig unzureichend sind und dass schnell gehandelt werden muss um das Problem noch in den Griff zu bekommen.

Agora Energiewende geht von Klimaneutralität bis 2050 aus (-65 % bis 2035) und fasst zusammen:

„Mit einem großen Investitions- und Zukunftsprogramm lässt sich der Treibhausgasausstoß Deutschlands in 30 Jahren auf null reduzieren. Kohle, Öl und Gas werden in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen durch Strom und Wasserstoff aus Erneuerbaren Energien ersetzt. Dazu muss der Zubau an Wind- und Solaranlagen in den nächsten zehn Jahren in etwa verdreifacht und das deutsche Klimaziel für 2030 auf -65 Prozent angehoben werden. „

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Das Wuppertal Institut geht von Klimaneutralität bis 2035 aus und schreibt dazu:

„Das Einhalten der 1,5-°C-Grenzmarke ist nur dann möglich, wenn Deutschland bis etwa 2035 CO2-neutral wird und auch nur dann, wenn die Emissionen schon in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren extrem sinken. Das Erreichen von CO2-Neutralität wäre “bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich”

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Wir versuchen hier eine grobe Beurteilung und einen Vergleich der beiden Studien. Die Durchsicht ergibt folgende Punkte:

  • Der Zeitbereich
    Agora Energiewende geht von Klimaneutralität bis 2050 aus mit Zwischenziel -65 % bis 2030 (Laufzeit 30 Jahre).
    Das Wuppertal Institut betrachtet ein Szenario, das bis 2035 Klimaneutralität verspricht (Laufzeit 15 Jahre = die Hälfte).
  • Die Methodik
    Agora Energiewende: typische und state-of-the-art Szenariomethodik.
    Wuppertal Institut: Metastudie (Analyse von Szenariostudien) und Ableitung, wie die Maßnahmen bei Vorziehen des Zeitziels verschärft werden müssen.
  • Die Paradigmen
    Agora Energiewende will ein machbares Szenario für
    ein klimaneutrales Deutschland, mit
    Wirtschaftlichkeit, Wahrung der Investitionszyklen
    und Akzeptanz als Kernkriterien. Das Thema Klimakipppunkte spielt in der Studie keine Rolle.
    Das Wuppertal Institut will die 1,5-°C-Grenze mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent erreichen wozu
    die Menge der zukünftig global ausgestoßenen Treibhausgase eng begrenzt werden muss. Anderfalls besteht die Gefahr, dass unwiderruflich Klimakipppunkte überschritten werden.
  • Unterschiedliche Ansprüche
    Agora Energiewende: Der Weg zur Klimaneutralität 2050, wie er in dieser Studie beschrieben wird, stellt einen aus Kostensicht
    und unter Berücksichtigung der Umsetzbarkeit
    optimierten Weg dar. Hauptkriterien bei der Auswahl
    der Maßnahmen waren Wirtschaftlichkeit
    und die Wahrung der Investitionszyklen.
    Das Wuppertal Institut will mit der Studie ‚Denkanstöße‘ geben und sieht sie nicht als konsistentes Szeanrio für das Jahr 2035. Unter anderem fehlt die Betrachtung der Landwirtschaft (d.h.  Methan und Lachgas werden nicht betrachtet).
  • Beurteilung der Studie durch die Verfasser
    Agora Energiewende meint, dass ein klimaneutrales Deutschland 2050 technisch und wirtschaftlich im Rahmen der normalen
    Investitionszyklen in drei Schritten realisierbar ist.
    Das Wuppertal Institut ist das Erreichen von CO2-
    Neutralität bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll, grundsätzlich aber möglich.
  • Was sind die Kernelemente?
    Agora Energiewende:   Weiteres Wirtschaftswachstum von 1,3 % pro Jahr; Energiewirtschaft auf Basis Erneuerbarer Energien; weitgehende Elektrifizierung von Verkehr und Wärme; eine smarte und effiziente Modernisierung des Gebäudebestandes (Sanierungsrate 1,6 % gegenüber heute 1 %); Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft für die Industrie.
    Wuppertal Institut: Wirtschaftswachstum von ca. 0,8 % (zwischen 0,2 und 1,3 %); Energiewirtschaft auf Basis Erneuerbarer Energien;  Massiver Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft; Mobilitätswende inklusive Elektrifizierung und synthetische Kraftstoffe; Wärmewende (Vervierfachung der Gebäudesanierungsrate auf 4 %); Kreislaufwirtschaft (Reduce, Reuse, Recycle); Suffizienzstrategien (Konsumverzicht).
  • Was wird explizit ausgeschlossen?
    Agora Energiewende:   Verzicht und Postwachstumsszenarien.
    Wuppertal Institut: Der Sektor Landwirtschaft. Das Einbeziehen von Hinderungsgründen, die die Umsetzung erschweren.
  • Wie werden wir nach der Reduktion wirklich klimaneutral?
    Agora Energiewende:   Die verbleibenden Emissionen insbesondere der Landwirtschaft und bei einigen industriellen Prozessen werden mit technischer CO2-Entnahme aus der Atmosphäre (CCS Technologie) kompensiert.
    Wuppertal Institut: Keine Kompensation über CCS oder sonstige Maßnahmen. Muss gesellschaftlich noch diskutiert werden.
  • Die Kosten
    Agora Energiewende: Keine Angaben.
    Wuppertal Institut: Die Kosten für eine Lösung bis 2050 liegen bei typischen Scenariostudien bei ca. 50 bis 70 Mrd. Euro pro Jahr. Wird das Ziel auf 2035 vorgezogen wird von 100 Mrd. Euro pro Jahr ausgegangen (ca. 3 % des BIP bzw. 6 % der privaten Konsumausgaben von 2019) ohne dass eine Vermeidung der Schäden gegengerechnet worden ist.

Fazit:

  • Beide Studien zeigen einen mehr oder weniger realistischen Weg in ein klimaneutrales Deutschland. Die beteiligten Institute Prognos, Wuppertal Institut und Ökoinstitut Freiburg sind allesamt erfahren und kompetent.
  • Die Studie des Wuppertal Instituts geht in der Regel von der doppelten Umstellungsgeschwindigkeit aus (sie hat ja auch nur 15 statt 30 Jahre zur Verfügung). Ob das wirklich realisierbar ist wird nicht weiter betrachtet. Die möglichen Hinderungsgründe werden u.a. ab Seite 11 Mitte aufgeführt.
  • Während die Agora Energiewende Studie eher machbar erscheint, da sie mögliche gesellschaftliche Widerstände mit einbezieht, erwähnt die Wuppertal Institut Studie zwar die Widerstände, zeigt aber nur technische Möglichkeiten der Problembewältigung auf.
  • Die Agora Energiewende Studie ignoriert die Möglichkeit der Kipppunkte während die Wuppertal Institut Studie diese als Motivation für extrem schnelles Handeln sieht.

Wer die Kipppunkte im Klimabereich als realistische und bald eintretende  Gefahr und deshalb das Erreichen des 1,5 Grad Ziels als wichtig ansieht (bzw. der Meinung ist, dass die Kipppunkte schon am laufen sind) der wird die Wuppertal Institut Studie als einzig möglichen Weg in unsere Zukunft sehen, der ab sofort beschritten werden muss.

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