Buchempfehlung: WASSER und ZEIT

Das hier vorgestellte Buch ist eine Mischung zwischen der Familiengeschichte des Autors, einer Liebeserklärung an die Gletscher seiner Heimat Island und fundierten wissenschaftlichen Erklärungen.

Leser:innen erfahren, warum immer mehr Gletscher von der Landkarte verschwinden, und was das alles mit uns Menschen zu tun hat.

So irritierend der Untertitel „Eine Geschichte unserer Zukunft“ auch wirken mag, beschreibt Magnason genau diesen vermeintlichen Widerspruch. Nur wenn wir eine Erinnerung an die Schönheit, aber auch die ökologische Bedeutung der Gletscher haben, können wir empfinden, was es bedeutet, wenn diese immer kleiner werden.

Sicher muss Mensch dafür nicht extra nach Island reisen, um die ökologische Katastrophe vor Augen geführt zu bekommen. Auch in den Alpen zeigen sich die Folgen der Klimakatastrophe jedem Menschen, der hinschauen will. Keiner und keine kann sich den bald immer sichtbareren Folgen der Klimakrise entziehen.

Gletscherschmelze bedeutet Anstieg der Meere, überflutete Küstenlandschaften die Millionen Menschen ihr zuhause rauben bis hin zum weiteren Anstieg der Temperaturen. Die Liste der Folge beschreibt er anschaulich an diversen Beispielen.
Magnasons Motivation, dieses Buch zu schreiben, entstand bei dem Gedanken an seine Ur-Ur-Enkel und aus der die Erkenntnis, dass sie im Gegensatz zu seinen Großeltern mögliche Flitterwochen „nicht mehr nutzen können, um über einen Gletscher in Island zu wandern“. Dabei macht er eine neue Zeitrechnung auf, eine die im Widerspruch steht zur kurzlebigen, in der wir uns befinden, und genau deshalb ist das Buch so besonders. Es macht uns deutlich, wie eng wir in unserer Vorstellungskraft sind, und wie klein, im Vergleich zu den großen Kräften der Natur, die Antworten auf unsere Lebensweise finden muss.

Im Dialog mit seiner jüngsten Tochter Hulda erinnert er das zehnjährige Mädchen an seine noch lebende 94-jährige Urgroßmutter und spannt dann den Bogen zu Huldas eigener, noch ungeborenen Ur-Enkelin.

„Stell dir mal vor! 262 Jahre! Das ist die Zeitspanne, mit der du in Verbindung stehst. Du kennst Menschen aus dieser gesamten Zeitspanne. Deine Zeit ist die Zeit von jemandem, den du kennst, den du liebst und der dich prägt. Und deine Zeit ist auch die Zeit von jemandem, den du kennen und lieben wirst, die Zeit, die du gestalten wirst. Du kannst 262 Jahre mit bloßen Händen berühren“.

Die große Fähigkeit des Autors, der zu den bekanntesten isländischen Schriftstellern zählt, besteht darin, ein persönliches und fachlich gut recherchiertes Klimabuch geschrieben zu haben. Er wechselt in den 26 Kapiteln zwischen dem Fachwissen von Gletscherforschern, Meeresbiologen und anderen Wissenschaftlern, zitiert Studienergebnisse und verknüpft diese Informationen mit persönlichen Geschichten seiner Familie und anderen Menschen in Island.

Er begegnet dem Dalai Lama in Island und besucht ihn später, um mit ihm über den Rückgang der Gletscher und den damit verbundenen Folgen in Island und die Gletschermassive im Himalaya zu sprechen. Dabei entdecken sie erstaunliche ökologische, aber auch mythologische Parallelen der Kulturen.

Familiäre Bilder aus Gletscherwanderungen der Eltern und Großeltern lassen erahnen, welche „Schätze“ verloren gehen. „Im Frühling liegt ein besonderer Geruch in der Luft“, zitiert er seine 94jährige Großmutter. Er lässt uns teilhaben an der „Lebendigkeit“ der Gletscher, deren Eismasse sich unter ihrem eigenen Gewicht bewegt, und erklärt was ein „gesunder“ Gletscher ist.

Wasser und Zeit ist ein faktenreiches Buch. Es ist ein Klimabuch und doch wieder nicht. Was es für mich so besonders macht, sind die emotionalen Bilder, die Magnason mit seinen Geschichten und Beschreibungen der Gletscher in mir hervorgerufen hat. Darüber hinaus ist es, neben den politischen Botschaften, die es transportiert, auch ein naturphilosophisches Buch. Der Autor schafft es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimakrise und den notwendigen Umweltschutz, den wir alle praktizieren müssen, persönlich werden zu lassen und neue Sichtweisen wie auch Chancen zu ermöglichen.

Magnason hat kein „Rezeptbuch“ geschrieben, wie wir die Klimakrise lösen können, das war auch nicht sein Anliegen. Er führt uns vor, deckt auf, was wir sehenden Auges auf dem Altar der Umweltzerstörung zu „opfern“ bereit sind und trotzdem plädiert er natürlich dafür, dem Einhalt zu gebieten, nicht morgen, sondern heute anzufangen, die Weichen neu zu stellen.

„Ich habe mich mit Klimaforschern, Gletscher-Experten und Meeresbiologen unterhalten. Alle waren frustriert, weil ihre Ergebnisse die Öffentlichkeit nicht erreichten. Und sie sagten: Menschen verstehen nur Geschichten. Daten verstehen sie nicht.“ Liegt darin ein Schlüssel?

Achim Wagner, November 2022

Infos zum Buch:

WASSER UND ZEIT
Autor: Andri Snaer Magnason
insel-verlag – erschienen 2020 – 303 Seiten – 12,00 €
ISBN: 978-3-458-68159-5

Erhältlich ist es bei Bücher Edele in Oberstdorf sowie im sozialen und CO2-freien Buchhandel Buch7.

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